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Institut für Wirtschaftsethik Universität St.Gallen Guisanstr. 11 CH-9010 St.Gallen Telefon: +41/71/224 2644 Telefax: +41/71/224 2881
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Institut Institutsgeschichte Institutsleitung bis 2010: Dr. Ulrich Thielemann (ehem. Vizedirektor)
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Dr. Ulrich Thielemann war von Februar 2001 bis Juli 2010 Vizedirektor des Instituts für Wirtschaftsethik der Universität St. Gallen. Er hat zahlreiche wissenschaftliche Projekte sowohl im Bereich der Grundlagenforschung als auch im Bereich der Auftragsforschung (Mandate) wesentlich mitgeprägt.
Email: ulrich.thielemann@unisg.ch
Kurzlebenslauf
Geboren 1961 in Remscheid (Deutschland).
| 1982 - 1988 | Studium der Wirtschaftswissenschaften an der Bergischen Universität - Gesamthochschule Wuppertal. Abschluss: Diplom-Ökonom |
| 1988 - 1989 | Doktorandenstudium an der Universität St. Gallen (HSG) |
| seit 1989 | Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Wirtschaftsethik an der Universität St. Gallen |
| 1992 - 1996 | Dissertationsprojekt „Das Prinzip Markt“ |
| 1996 | Promotion zum Dr. oec (HSG) an der Universität St. Gallen |
| 1996 - 1997 | Habilitationsstipendiat des Schweizer Nationalfonds |
| 1996 - 1997 | Visiting Scholar am Department of Economics der American University, Washington D.C., USA; sowie am Department of Economics der University of East London |
| seit 2001 | Vizedirektor des Instituts für Wirtschaftsethik der Universität St. Gallen |
| 2001 – 2007 | Lehrbeauftragter für Philosophie an der Universität St. Gallen (Assessmentstufe) |
| seit 2003 | Lehrbeauftragter für Wirtschaftsethik an der Universität St. Gallen (Bachelor- und Masterstufe) |
| Seit 2005 | Associate Professor of Business Ethics der Graduate School of Management der Universität Educatis |
2008
Seit August 2010 | Abschluss des Habilitationsmanuskripts "Wettbewerb als Gerechtigkeitskonzept" (Dezember 2008)
Aufbau eines wirtschaftsethischen Think Tanks in Berlin |
Wikipedia-Eintrag (durch unbekannte Dritte): http://de.wikipedia.org/wiki/Ulrich_Thielemann - Dort auch der Link zur alten IWE-Website mit der Publikationsliste.
Warum ich bei der Integrativen Wirtschaftsethik "dabei" bin
Bereits vor (!) meinem Studium beschlich mich als Gymnasiast die Intuition, dass der Markt kein hinreichendes Konzept für die Lösung aller gesellschaftlicher Probleme sein kann – heute würde ich sagen: dass der doch so „friedlich“ und allseitig vorteilhaft erscheinende „Marktmechanismus“ nicht zum obersten Moralprinzip taugt, ihm aber doch von vielen Ökonomen dieser Status zugeschrieben wird.
Mit einem ganzen Rucksack voll eher unklarer Fragen traf ich dann die Wahl für mein Studium, die Wirtschaftswissenschaften – an sich eine Verlegenheitsentscheidung, ein "Brotstudium". Die Wahl meines Studienortes, die Bergischen Universität Wuppertal – der Nachbarort meiner Heimatstadt –, stellte sich in gewisser Weise als Glücksfall heraus. Denn dort herrschte damals ein ausserordentlich freier, suchender Geist, der sich aus einer Unzufriedenheit mit dem vorherrschenden „neoklassischen“ Paradigma in den Wirtschaftswissenschaften ergab: Watzlawik oder Habermas in Vwl! Geschichte der ökonomischen Lehrmeinungen. Konzepte einer „Kritischen Bwl“. Das war alles ganz normal an der Bergischen Universität damals.
In Wuppertal traf ich Peter Ulrich, der dort damals ein wenig der „Star“ war, da er die Managementlehre mit einer kritischen – heute würden wir sagen: mit einer ökonomismuskritischen – Perspektive verband. Er wurde bald nach St. Gallen wegberufen – auf einen Lehrstuhl für Wirtschaftsethik. Der Begriff spielte im Studium überhaupt keine Rolle. Aber mir war sofort klar: Das ist es, wonach wir hier (in Wuppertal) im Kern immer gesucht hatten: Eine ethisch begründungsfähige Sicht (statt eine ideologisch verkürzte oder beschönigende) auf das Wirtschaften. – Meine Diplomarbeit war gut genug, dass mich Peter nach St. Gallen folgen liess.
Meiner Intuition konnte ich hier in St. Gallen systematisch auf den normativen Grund gehen – was in das „Prinzip Markt“ bzw. dessen Kritik mündete - meine Promotionsarbeit, in der ich zeigte (oder meine gezeigt zu haben), dass ein zum Prinzip erhobener Markt auf eine „Ethik“ des Rechts des Stärkeren hinausläuft. In der Habilitationsschrift „Wettbewerb als Gerechtigkeitskonzept“ wird dieser Gedanke im Kern vertieft und differenziert angesichts ethisch zumindest auf den ersten Blick starker Argumente, die im Wettbewerb ethisch vorzugswürdige Eigenschaften erblicken wie die Freiheit von „Diskriminierungen“, die Abwesenheit von „Marktmacht“ oder ihn als Garant eines „Wohlstands für alle“ fassen. Leider treffen diese Zuschreibungen auf den Marktwettbewerb, so wir ihn recht verstehen, nicht oder jedenfalls nicht so ohne Weiteres zu.
Einerseits wird Wettbewerb nicht nur von Ökonomen, sondern auch von der breiten Bevölkerung häufig als eine ethisch vorzugswürdige und insofern als eine gerechte soziale Praxis betrachtet. Wettbewerb heisst in diesem weit geteilten Verständnis nicht nur: Sicherung des Wohlstandes und wirtschaftliches Wachstum, sondern auch: Verhinderung von "Partikularinteressen", Förderung des "Allgemeinwohls", Abwesenheit von "Diskriminierung" und "Ausbeutung", "Neutralisierung" von Marktmacht, Abwesenheit von "Willkür", "Fairness", Gleichbehandlung aller, "Chancen" für die Armen und insofern "Chancengleichheit". "Monopol", "Kartell" sind ebenso wie "Protektionismus" Schimpfwörter. Wettbewerb ist gerecht, Wettbewerbsbeschränkungen sind ungerecht. Auch wenn diese Zuschreibungen wohl nicht von allen gleichermassen geteilt werden und eher spontan geäussert als begründet vertreten werden, so gehen Ökonomen ebenso wie die Mehrzahl der Bürger, weitgehend unabhängig von ihrer poliltischer Richtung, in der Regel doch ganz selbstverständlich davon aus, dass die Verhinderung von "Wettbewerbsbeschränkungen" und die Beseitigung von "Wettbewerbsverzerrungen" eine moralische Pflicht der Politik ist, die von der Wettbewerbspolitik zu bewältigen sei.
Andererseits nehmen in Zeiten der "Globalisierung", also der Intensivierung des Wettbewerbs auf Weltniveau, des "Strukturwandels", der über uns komme wie das Wetter, und der Herrschaft des Shareholder-Value-Denkens die kritischen Stimmen gegenüber dem Prinzip Wettbewerb zu - sei es implizit oder, eher selten, explizit. Es handelt sich hierbei stets im Voten gegen eine Zuviel an Wettbewerb, gegen die Ausweitung des "Prinzips Wettbewerb" auf alle Lebensbereiche, gegen die Auffassung, Wettbewerb sei prinzipiell gerecht - und darum, so wäre zu folgern, um Voten für "Monopole", "Partikularinteressen", "Diskriminierung" usw.
Wie sind beide Positionen zusammenzubringen? Wie jedenfalls sind die berechtigten Momente beider gegensätzlichen Sichtweisen zusammenzubringen? Ist Wettbewerb nun Inbegriff von Fairness und insofern Definitionsmerkmal einer gerechten Gesellschaft, oder gilt hier nicht das Recht des Stärkeren? Dazu ist zunächst zu fragen, was denn Wettbewerb, systematisch betrachtet, ist. Sodann sind seine ethischen Eigenschaften - im Guten wie im Schlechten - aufzudecken. Die Habilitationsschrift unternimmt den Versuch der normativ-ethischen Rekonstruktion verschiedener wettbewerbstheoretischer bzw. -politischer Konzeptionen, um so eine wirtschaftsethisch tragfähige und differenziertere Position gegenüber dem Phänomen Wettbewerb zu gewinnen, die nicht a priori zugunsten wettbewerblicher Formen der sozialen Handlungskoordination argumentiert.
Das Habilitationsverfahren findet seinen formellen Abschluss voraussichtlich in der ersten Senatssitzung des Herbstsemesters 2010.
Was mein wichtigstes Projekt des letzten Jahres war
Ich verstehe Wirtschaftsethik nicht als L’art pour l’art, nicht als Elfenbeinturmwissenschaft, sondern als Aufklärungsprojekt. Das heisst nicht, dass die hochspezialisierten Expertendiskurse, die Wissenschaftler führen (oder führen sollten…) unbedeutend wären – ganz im Gegenteil! Doch münden sie doch letztlich in der Aufklärung der Praxis. Die wissenschaftlichen Diskurse sind sinnlos, wenn sie nicht das Denken, das die Praxis bewegt, orientieren – das Denken der unternehmenspolitischen und wirtschaftspolitischen Entscheidungsträger ebenso wie letztlich das der Bürger. Und es gibt eine ganze Menge aufzuklären. Denn unsere Denken über das Wirtschaften ist nach wie vor weitgehend von ökonomistischen Annahmen und Hintergrundannahmen geprägt.
Diese Marktgläubigkeit, die wirtschaftsethisch nicht haltbar ist, ist mit dem Finanzmarktkrise auch praktisch und sichtbar gescheitert. Immer mehr Menschen beschleicht ein Unbehagen gegenüber dem Markt. Doch was genau ist falsch am „freien“ Markt? Dies möchte ich in einem Buch, welches sich an die breitere Öffentlichkeit wendet, zeigen. Es trägt den (vom Verlag gewünschten) Titel „System Error. Warum der freie Markt zur Unfreiheit führt" und ist im Herbst 2009 im Westend Verlag (Franfurt a.M.) erschienen. Worum es geht, umreisst der Ankündigungstext:
"Die Finanzkrise hat das Ende der Marktgläubigkeit eingeläutet. Damit haben die Versuche der ökonomischen Eliten, „mehr Markt“ zu predigen, weiter an Glaubwürdigkeit verloren. Doch was kommt danach? Es fehlt eine systematische und visionäre Perspektive, um das verbreitete Unbehagen gegenüber der fortschreitenden Ökonomisierung unseres Lebens klarer zu fassen. Was ist falsch am "freien" Markt ? Warum ist die Marktgesellschaft keine gute Gesellschaft?
Die wirtschaftsethische Entdeckungsreise, die Ulrich Thielemann unternimmt, bietet eine solche Perspektive. Diese lässt uns den Markt besser und distanzierter verstehen. Sie entlarvt die Wohlstandsmythen, die die Mehrheit der Ökonomen verbreiten. Sie gibt eine prägnante Einführung in die Ethik und weist bereits damit Homo oeconomicus als Modell zurück. Sie klärt, warum der „freie“ Markt zur Unfreiheit führt. Sie räumt mit dem verbreiteten Vorurteil auf, dass sich „Ethik“ langfristig auszahle. Und sie zeichnet die Vision einer sozialen Marktwirtschaft, die von der Integrität ihrer Akteure getragen ist. Diese gilt es im globalen Wettbewerb zu erneuern. Damit bietet sie marktkritische, aber nicht marktverneinende Orientierungen, für die gerade heute ein starkes Bedürfnis besteht."
 |  | | Last Update: 09/14/2010 © Institut für Wirtschaftsethik, Universität St. Gallen | [ top ] |
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